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Jernej Kruder - Herbstmeister

Innsbruck 2018 Kolumnist Udo Neumann wirft einen Blick auf den überraschenden "Herbstmeister" dieser Boulder-Saison, Jernej Kruder.

2010 in der Iso vom Boulderweltcup in Vail war Kruder unübersehbar. Er trug riesige Kopfhörer, aber keine Kletterschuhe zum Aufwärmen. Die krassesten Stunts gingen trotzdem auf sein Konto. (Ich nenne ihn übrigens Kruder, seitdem er mir dies 2011 intensiv befohlen hat. Ob seine Ansage noch gilt, weiss ich nicht, will ihn aber nicht zum Feind haben!) Für Eddie Fowke war er Jahre später noch "fiery young Jernej Kruder“, jemand mit dem man sich nicht gerne anlegt, obwohl er eigentlich freundlich ist. Erst letztes Jahr sagte mir Kruder, dass dem nicht so gewesen sei und dass sein dritter Platz in Nanjing 2017 

sein erstes Mal auf einem BWC Podium gewesen ist. Erstaunlich, war er doch 2014 Vizeweltmeister  und hat seit 2010 immer mal wieder so ungefähr jeden großen Einladungswettbewerb gewonnen! Nur bei den Weltcups hatte er nicht so gezündet, wie man es 2010 gedacht hätte. Was ist nun 2018 anders?

Mit Erwartungen umzugehen...

...ist für die Boulderer viel schwieriger als für die Lead-Kletterer. Die Ursache ist, dass Boulderwettbewerbe unberechenbarer und unkontrollierbarer erscheinen. In dieser Situation den idealen Zustand von An- und Entspannung zu finden, ist schwierig. Die Strategie, hier mit einfachen Regelsystemen und einer lineareren Denkweise zu versuchen, Ordnung und Struktur herzustellen, ist stressig und frustrierend. Besser ist, eine gewisse Ungewissheitstoleranz zu entwickeln und die Widersprüchlichkeit zwischen Erwartung und Ergebnis als positiv zu bewerten. Dazu gehört, sein Wohlbefinden nicht ausschließlich vom Wettbewerbsergebnis abhängig zu machen.

Glück = Realität - Erwartungen

Vor dem Weltcup in Moskau berichtete die Webseite 8a.nu: 

"Jernej Kruder, #1 and #2 in the two first Boulder World Cups 2018, has done the 55 meter long Water World in Osp/Misja Pec. Interesting is that this monster endurance session was his last preparation for the next two Boulder World Cups in China. As a matter of a fact, Kruder says he has not have had one single indoor session since he returned from Moscow!

Zu Kruders Wohlbefinden gehört beispielsweise das Felsklettern, bei dem er die schwierigsten Sachen hochkommt. Ein Großteil seiner Aktivitäten in diesem Bereich erreicht nicht die breite Öffentlichkeit, wie bei einigen anderen Kletterern, Insider wissen jedoch, dass Kruder seit langem zu den leistungsfähigsten Felskletterern überhaupt zählt (Psicobloc Es Pontas).

Im Moment beschränkt er sich auf von Slowenien aus leicht erreichbare Ziele, es ist aber leicht vorstellbar, dass er irgendwann in seinem Leben beispielsweise die Dawn Wall am El Cap klettert.

Es muss aber nicht immer Klettern sein. Befindet sich Kruder mit seinem Longboard in einem Fitnessstudio mit Laufbändern, wird er herausfinden wollen, wie schnell er auf dem Laufband fahren kann. Das fängt ganz harmlos an, steigert sich aber rasant. Die anderen Anwesenden starren dann schnell, in Vorwegnahme der Flugbahn von Mensch und Board, angstvoll auf die hinter ihm liegende Glaswand. 

Passieren tut ihm, ob beim Skaten, Klettern oder Motocross, selten was, Kruder kennt sich gut im Grenzbereich von Kontrolle aus, hat eine geschmeidige Ungewissheitstoleranz. Er ist viel umsichtiger und besonnener, als man auf den ersten Blick merkt. Dies kommt ihm in Boulderfinalen zu Gute. Vielleicht noch wichtiger ist jedoch, dass er so viele kurzfristige Glücksmomente und Ziele hat und die Bedeutung des einzelnen Bewerbs relativiert wird.

Wenn ihm, wie vor den Boulderweltcups in China, kurz vorher noch eine 55 Meter lange 9a am Fels geglückt ist, dann ist sein Wohlbefinden viel unabhängiger vom Wettbewerbsergebnis, als wenn er sich dem Felsklettern versagt und ausschließlich physiologisch korrektes Körpertraining betrieben hätte.

Kruder ist eine solche Bereicherung in jedem Boulderfinale, dass selbst seine Mitbewerber sich wünschen, dass er dabei sei. Möge ihm dies 2018 oft gelingen!  Ansonsten - lernen wir von Kruder, bleiben auch wir Ungewissheitstolerant!

Facts

2000 Griffe

58 NATIONEN

834 ATHLETEN

20.000 FREIWILLIGE ARBEITSSTUNDEN

500 KG CHALK

Climb. Come together. Celebrate!