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Udo Neumann: Die Kunst der Akiyo Noguchi

Schon bei den ersten zwei Weltcups dieser Saison dominierte Akiyo die Qualifikation und das Halbfinale. Im Finale wirkte sie dann jedoch angespannt und nervös, so dass sich ihre unten beschriebenen Qualitäten nicht völlig entfalten konnten. In Chongqing passte endlich alles für einen beeindruckenden Sieg. Grund für uns, einen Blick auf das Phänomen Akiyo Noguchi zu werfen.

Der Unterschied zwischen Mobilität und Flexibilität

Das angebliche stundenlange passive Stretchen ist einer der Mythen, die sich um das erfolgreiche japanische Team ranken. Wenn Asiaten im Allgemeinen und Akiyo im Speziellen klettert, gerät hier in den Analysen und Kommentaren begrifflich einiges durcheinander.

Während im Deutschen häufig einfach von Beweglichkeit gesprochen wird, wird im Englischen genauer differenziert zwischen Mobility und Flexibility.

Diese Unterscheidung zwischen Mobilität und Flexibilität ist insofern von Bedeutung, als die beiden Begriffe unterschiedliche Dinge beschreiben:

Flexibilität (Flexibility) ist das passive Bewegungsausmaß der Gelenk, etwa wenn man von der Schwerkraft oder einem Partner in eine bestimmte Position gezogen wird.  Einen Spagat bspw. schaffst du mit ausreichender Flexibilität, in einer Verschneidung nützlich ist er aber nur, wenn du noch handlungsfähig, sprich mobil bist. Passives Dehnen (Stretchen) fördert im besten Fall nur deine Flexibilität, aber nicht deine Handlungsfähigkeit in der gedehnten Position. Flexibilität ist nur ein Baustein der Mobilität, stundenlanges passives Stretchen ist deswegen Zeitverschwendung. 

Mobilität ist nämlich aktive Beweglichkeit in einem oder mehreren Gelenken. Mobilität hängt von Körperwahrnehmung und dem neuronalen Zusammenspiel der beteiligten Strukturen ab. Mobilität erfolgt immer aus motorischer Kontrolle heraus, sprich ohne einen äußeren Zug oder Druck.

Im Weiteren spreche ich im deutschen Text von Beweglichkeit.

Beweglichkeit

Beweglichkeit ist allgemein das Vermögen, unterschiedliche Stellungen und Haltungen einzunehmen, und kann sich damit auf körperliche oder auf geistige Regungen beziehen.

„Leere deinen Geist. Werde formlos und gestaltlos wie Wasser. Wenn man Wasser in eine Tasse gießt, wird es zur Tasse. Gießt man Wasser in eine Flasche, wird es zur Flasche. Gießt du Wasser in eine Teekanne, wird es zur Teekanne. Sei Wasser mein Freund.“ 

– Bruce Lee

Bei Akiyo lässt sich der Zusammenhang von geistiger und körperlicher Beweglichkeit gut beobachten. Sie kann jeden Bereich, den sie von ihrer Spann- und Reichweite, sowie Hüft- und Wirbelsäulenbeweglichkeit her erreicht, sinnvoll bespielen. Ein Tritt in Schulterhöhe beispielsweise wird von ihr mühelos erreicht, belastet und in die Kletterbewegung integriert.

Ideale Belastungsrichtungen

Akiyos Beweglichkeit erlaubt ihr, sich optimal zu den Belastungsrichtungen, die die Kontaktpunkte erfordern, auszurichten. Hilfreich dabei ist, dass ihr das Überkreuzen der Körpermitte immer sehr harmonisch gelingt, was selbst auf hohem Niveau lange nicht bei jedem Kletterer der Fall ist. Dadurch nämlich, dass unsere linke Gehrinhälfte große Teile der Motorik unserer rechten Körperhälfte kontrolliert bzw die linke Körperhälfte in unserer rechten Gehrinhemisphäre repräsentiert ist, müssen die beiden Gehirnhälften Informationen austauschen, damit linke und rechte Körperhälfte synchronisiert und koordiniert werden. Dieser Vorgang ist komplex, fehleranfällig und entscheidet Kletterwettbewerbe.

Akiyo und der Einfluss des Fasziennetzes auf die Kraftentwicklung

Das Fasziennetz passt sich nicht nur unserem Klettern, sondern allen unseren individuellen Bewegungs- und Atemmustern an. Es wird von unseren geistigen Neigungen und den Bewegungen, die diese fördern oder hemmen, mitgestaltet.

Bei langsamen Bewegungsabläufen wie dem kontrollierten Klettern beispielsweise im ersten Damenfinal-Problem von Moskau oder hier beim Hochgreifen mit links findet die Kraftübertragung von sich verkürzenden Muskelfasern auf relativ gleich lang bleibende Sehnen und Sehnenplatten statt. Die Zugkraft wird passiv von den faszialen Strukturen übertragen.

Klettern wir dagegen mit elastisch federnden, schwungvollen Bewegungen in steilem Gelände, ändern die Muskelfasern ihre Länge kaum. Sie versteifen sich fast nur isometrisch, ohne deutliche Längenänderung. Hingegen verlängern und verkürzen sich die Sehnen und faszialen Sehnenplatten federnd wie ein Jo-Jo und führen dadurch die eigentliche Bewegung herbei.

Alle modernen Wettbewerbskletterer können mit beiden Strategien Kraft erzeugen, Akiyo beherrscht jedoch eine besonders effiziente Steuerung der Mischformen.  

Das schwingende Klettern verlangt eine vorbereitende Gegenbewegung um das Fasziennetz vorzudehnen beziehungsweise aufzuladen. So kann es sich durch die Rückfederung wie ein Katapult entladen und die Bewegung lässt sich leicht, fast wie von allein, ausführen. 

So weit so gut, so machen das heutzutage fast alle Kletterer. Wo der Hase oft im Pfeffer liegt, ist beim Timing. Bei Akiyo führt die Rückfederung der Faszien die Bewegung, deswegen sieht der Bewegungsablauf bei ihr oft so wunderbar fließend aus. Andere Kletterer steuern die vorbereitende Gegenbewegung und die Rückfederung nicht so geschickt und arbeiten, oft auch aus psychischen Gründen, muskulär, weswegen ihr Bewegungsablauf vergleichsweise unharmonisch und anstrengend ist.

Akiyo und die Kopplung von Wahrnehmung und Handlung

Noch vor fünf Jahren sah Akiyo bei ihren ersten Versuchen oft bestürzend überfordert aus, beispielsweise im letzten Problem in Vail 2013

Ich erinnere mich noch genau, bei ihrem ersten Versuchen „Nie im Leben!“ gedacht zu haben. Erst 12 Sekunden vor Ablauf ihrer Zeit machte sie einen Fehlversuch, bei dem ich meine Erwartungen in „Naja, vielleicht im nächsten Leben.“ änderte. Akiyo forderte das Publikum auf, sie anzufeuern, stieg in der letzten Sekunde ein und kletterte das Problem.  

Wie schon fünf Jahre zuvor bei ihrem Sieg in Eindhoven, wirkt sie nach Fehlversuchen nicht niedergeschlagen, sondern positiv optimistisch, als wenn sie der Lösung des Problems ein Stück näher gekommen sei. 

Betrachtet man das Diagram der Wahrnehmungs-Handlungskopplung unter diesem Gesichtspunkt, hat sie den geistigen Kreislauf von „Knowledge -> directs -> Exploration -> samples -> Environment -> modifies -> Knowledge -> …“ inzwischen perfektioniert. Akiyo merkt sich jede Information, die sie bei ihren Versuchen von ihren Körpersinnen empfängt. Diese Informationen bereichern ihr Wissen, welches sie im nächsten Versuch zu nutzen sucht. Fehlversuche sind so für sie wertvolle Erfahrungen, die notwendig zur Lösung des Boulderproblems sind.

Das ist die Kunst der Akiyo Noguchi!

Facts

1100 Griffe

65 NATIONEN

700 ATHLETEN

20.000 FREIWILLIGE ARBEITSSTUNDEN

500 KG CHALK

Climb. Come together. Celebrate!