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Udo Neumann: Meiringen Analyse

Im Grunde genommen ähneln sich die Anforderungen bei Boulder Weltcups, fast unabhängig davon, wie der Routenbau im Detail aussieht: In der Qualifikation warten leichte Probleme, du darfst da keine Fehler machen. Im Halbfinale kommen dann die schwersten Boulder, da kämpft jeder, um irgendwie ein paar Tops zu erreichen. Im Finale sollte man dann den Zirkus-Zylinder dabeihaben, es schlägt die Stunde der Trick-Betrüger. Experimentierfreudigkeit und Schnelligkeit sind gefragt.

Die Boulderer müssen also von einer Runde zu nächsten von jemandem, der keine Fehler macht, zu jemandem, der keine Angst hat Fehler zu machen, mutieren. Nur wer seine Einstellung schnell anpasst, kann immer mithalten.

Während es bei den Tricks im Finale nicht um Geduld ging, sondern darum, seine Komfortzone entschlossen (aber nicht mit der Brechstange!) zu verlassen, war Geduld die Schlüsselkompetenz im Halbfinale. Immer wieder ging es darum, Positionen schnell zu finden, dafür brauchen die meisten etwas Geduld. Für einen Boulderer ist es oft sehr verlockend, sich das korrigierende Klein-Klein innerhalb einer Bewegung zu sparen und sein Heil in einer großen Bewegung zu suchen, die einen über die Schwierigkeiten trägt. Und zack, bist du den Routenbauern auf den Leim gegangen! Mit großzügigen, schwingenden, weiten Zügen kannst du dich nämlich nicht verspannen in dem vertrackten Arrangement von Griffen, Volumen und Tritten und die wenigen möglichen Belastungsrichtungen nicht zu deinen Gunsten nutzen!

 Im Halbfinale musstest du diese Belastungsrichtungen und deine Position häufig wechseln, was lange statische Haltezeiten, Stabilisierungen und vor allem eine geduldige Geisteshaltung erfordert, die von einigen fun-orientierten Boulderern heutzutage gar nicht mehr trainiert wird. Auf diese Anforderungen kann man sich nur vorbereiten, indem man ein vielseitigerer und besserer Kletterer wird, da hilft das Einüben isolierter Techniken gar nichts! 

Hier fiel besonders U18-Kombinationsweltmeisterin Sandra Lettner auf, als sie sich durch besonders geschicktes Festpressen des linken Fußes die einzige Begehung des dritten Problems im Halbfinale sichern konnte. Diese Probleme ähneln phasenweise extrem unübersichtlichen und mühsamen traditionellen Felsklettereien, nur an modernsten Dual-Texture-Plastikgriffen. 

Apropos Plastikgriffe! Hier ist der ausschließliche Einsatz von zwei Firmen zumindest fragwürdig. So raffiniert und selektiv diese Griffe von ihren Formen her auch sind, sie „altern“ sehr schnell. Das gilt nicht nur für die Griffe, sondern auch für die Tritte. Ist auf einem abschüssigen Tritt zweimal jemand abgerutscht, steigt die Wahrscheinlichkeit des nächsten Abrutschens rasant an, was auch in Meiringen das Ergebnis leider stark verzerrt hat. Hier ist zu hoffen, dass in Zukunft mehr Chancengleichheit geschaffen wird.

Notwendig grausamer Routenbau

Ich hatte im letzten Artikel davon gesprochen, dass gegenwärtig nur wenige Athleten Zugang zum notwendig grausamen Routenbau haben. Am besten werden traditionell die Franzosen in Fontainebleau versorgt, wo Jacky Godoffe verantwortlich ist. Das merkt man den beiden französischen Finalisten auch an. Im Gegensatz zum oben beschriebenen felsähnlichem Klettern lassen sich diese schnellen Trick-Bewegungen nämlich gezielt üben und können, wenn man die Gesetzmäßigkeiten einmal verstanden hat, auf ähnliche Situationen übertragen werden. So wie Fanny Gibert den Plattensprung im dritten Finalproblem der Mädels im ersten Versuch aus dem Ärmel geschüttelt hat, ist ganz große Klasse! 

Als Beispiel für einen Athleten ohne Zugang zu hinreichend grausamen Boulderproblemen kann man Nathaniel Coleman sehen, der mit fünf Flashes von ausnehmend schlichten Problemen zur US- Bouldermeisterschaft gesegelt ist. Die dortigen Boulder bereiten in keiner Weise auf die Grausamkeit der Halbfinal-Boulder der Meiringer Routenbauer vor! Es ist, als fände man sich als Fitnessboxer im MMA-Käfig mit Conor McGregor konfrontiert.

Nathaniel war 2015 fulminant auf die internationale Bühne gestürmt. Als Vorbereitung hatte ihn sein damaliger Trainer davor mindestens einmal die Woche im Little Cottonwood Canyon, einem traditionellen Granit-Gebiet, trainieren lassen.(0) Am Fels entwickelte Nathaniel damals die oben beschriebenen Fähigkeiten, die ihm beispielsweise eine beeindruckende Plattenbegehung beim BWC in Toronto ermöglichten.

Dieses letzte bisschen Geduld, die das Ringen um die wirklich optimale Position ermöglicht, fehlte ihm jetzt zum Erreichen des Finales. (1)

Not really new school (yet)

Das Routenbau-Team von Meiringen wird auch bei der WM in Innsbruck die Boulder bauen, deswegen ist jeder Aspirant gut beraten, sich mit diesen Zusammenhängen vertraut zu machen.(2)

Nach allem, was ich bis jetzt über die Bedeutung traditioneller Kletterfähigkeiten für den Ausgang in Meiringen geschrieben habe, muss man doch konstatieren, dass selbst die gegenwärtig besten Boulderer klettertechnisch noch nicht vollständig im 21sten Jahrhundert angekommen sind. Sicher, das Jungs-Problem Nummer zwei war sehr attraktiv und spektakulär, ist aber für diese Klasse von Boulderern fast schon Standard - Tomoa hätte sich wahrscheinlich während des Sprungs einen hübschen Pullover häkeln können!

Dass er und die anderen im Plattenproblem (M3) die offensichtliche „Roundhouse“-Bewegung zwar vielleicht in Betracht gezogen, aber jedenfalls nicht ernsthaft probiert haben, spricht allerdings dafür, dass die Routenbauer die Kletterer gegenwärtig noch relativ leicht vorführen können.

Insbesondere in Anbetracht des Zeitdrucks, wurde die schnelle Roundhouse-Methode vielleicht etwas vorschnell abgeschrieben.  

Das wird sich bestimmt im Laufe der Saison ändern - Bouldern ist so spannend wie nie!  

(0) Er wusste, dass sich Nathaniel nur durch Bouldern an klassischen US-Plastikproblemen nicht hinreichend vorbereiten könne.

(1) Wer jetzt denkt, Tomoa Narasaki wirkt auch nicht super geduldig: Tomoa findet die richtigen Positionen oft schon beim visualisieren, beziehungsweise beim bouldern so schnell, dass er es selber kaum merkt.

(2) Als Anschauungsmaterial ist der Vergleich der US- und der Japanischen Bouldermeisterschaften empfehlenswert!  Japan  , USA 

Alle Bilder (c) H. Wilhelm

Facts

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