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Udo Neumann: Moskau Analyse

Hast Du das Interview mit Aleksei Rubtsov gelesen? Wenn nicht, hol es doch schnell nach, dann ist der folgende Artikel interessanter.

Kung Fu

Alles, was Aleksei erreicht hat, hat er sich selber erarbeitet. Er verdankt seine Erfolge weder einem Coach, noch einem ausgefuchstem Traininingsplan eines Sportwissenschaftlers; er selber hat seine Prioritäten erkannt und kontinuierlich an seinen Schwächen gearbeitet. Das hat ihm zu in diesem Starterfeld unvergleichlicher Körperkontrolle verholfen. Wenn Aleksei in einer körperlichen Zwangslage seine Hüfte um 2 Millimeter nach rechts verschieben will, um den großen Zeh des linken Fußes zu entlasten und so einen delikaten Fußwechsler einzuleiten, dann kann er das. Er kann jederzeit jedes Boulderfinale durch seine körperlichen Möglichkeiten zu seinen Gunsten entscheiden. Dazu kommen seine geistigen Fähigkeiten, was die Analyse eines Boulderproblems und das Problemlösen anbelangt. Diese Fähigkeiten und seine Sportsozialisierung durch u.a. Kung Fu machten einzigartige Begehungen wie hier, bei dem von ihm zitierten Sieg in München, möglich.

Individualist vs Sportsystem (Kollektiv)

Betrachtet man die anderen langjährig erfolgreichen Kletterer, werden allerdings ähnliche Biographien sichtbar. Von Akiyo Noguchi über Jakob Schubert oder Sean McColl sind aktuell die meisten vor allem Produkt ihres eigenen Engagements, unterstützt durch mehr oder weniger gute Rahmenbedingungen, aber nicht Resultat eines Sportsystems.

„Sportsystem“ ist in diesem Zusammenhang aktuell ein vielleicht zu großer Begriff, allerdings gehen im Hinblick auf Olympia 2020 die Bemühungen vieler Kletterverbände dahin, ein solches zu schaffen. Ein Vorteil wäre beispielsweise, dass Wissen und Erfahrung gebündelt und dem Athleten zugänglich gemacht wird. Außerdem hat der Athlet Personen an seiner Seite, mit denen ein respektvolles Verhältnis besteht und mit denen er sich auf Augenhöhe austauschen kann.

Dies ist gegenwärtig in Ansätzen nur in Japan und Slowenien zu beobachten. Da diese beiden Länder alle Medaillen beim Bouldern in Moskau unter sich ausmachten, bietet sich an, das Männerfinale am Beispiel von Aleksei unter dem Gesichtspunkt „Individualist vs Kollektiv“ zu vergleichen. In der einen Ecke haben wir also die Individualisten, Chon, Gabri und Aleksei, die das Bouldern und ihr Training vornehmlich alleine durchführen, in der anderen Jernej, Gregor und Tomoa, die mehr in Gruppen machen und, in welcher Form auch immer, gecoacht werden.

Der Erste Akt: Niedrige Schwierigkeiten, hohes Risiko

Das Finale hätte für Aleksei nicht schlimmer beginnen können! 

Sein geistiger Zustand ist auf Intensität, Willenskraft und Kontrolle gepolt, gefragt ist aber eine „es geschehen lassen“ Geisteshaltung! Seine fantastische Körperkontrolle kann er bei dem leichtem „Rübergleiter“ nicht wirklich zu seinem Vorteil nutzen, was den Widerspruch von Geisteshaltung zu Aufgabe noch vergrößert und ihn zu unnötigen Fehlversuchen verleitet. Als er den Zug endlich schafft, ist die Zeit vorbei. Dem eher am Fels beheimateten Gabri Moroni geht es ähnlich, einzig Chon, der jüngste und modernste der Individualisten erreicht das Top innerhalb der Zeit.

Die „Kollektivkletterer“ dagegen verbringen mehr Zeit mit verspieltem Bouldern, ihnen sind Schwebezustände nicht fremd. Alle 3 toppen das Problem.

Vorteil: Kollektiv

Der Zweite Akt: Old school (with a twist)

Ha, dieses Problem ist schon viel mehr nach Alekseis Geschmack! Allerdings haben die Routenbauer einen kleinen new school twist eingebaut, der ihn einen Versuch kostet und an dem Gabri Moroni scheitert. Chon dagegen ist auch völlig in seinem Element und erledigt das Problem humorlos, mit dem gleichen eklig aussehenden Hand- (bzw. Finger!) Wechsler wie Aleksei. Hier wird es interessant, denn ausgerechnet der fantastisch kletternde Kruder, der Gewinner von Meiringen, meint fancy werden zu müssen und versucht, den ekligen Wechsler zu vermeiden. Sein Bemühen um die elegante Lösung bringt ihn um das Top – das würde Aleksei nie passieren!

Vorteil: Unentschieden! 

Der Dritte Akt: Mehr niedrige Schwierigkeiten und noch höheres Risiko

Für diese Situationen muss man Boulderwettbewerbe einfach lieben! Ausgerechnet Tomoa Narasaki, die Inkarnation des modernen akrobatischen Boulderns, schafft es, den relativ einfachen Startsprung schwierig wirken zu lassen! Es ist faszinierend zu sehen, wie das, was man für seine Stärke hält, sich gegen einen richten kann, wenn man es nicht dem Kontext gerecht einsetzt. Am Ende kommen jedoch alle Kletterer zu ihrem Top.

Vorteil: Unentschieden! 

Der Vierte Akt: Lost in Newschoolness

So, mittlerweile haben unsere Individualisten erkannt, dass sie sich in einem Boulderfinale im Jahre 2018 befinden. Und das heißt doch: ganz viel schwingen, ganz viel springen, ganz viel auf einmal, ganz crazy, oder? Jaaa, oder … man tut das naheliegende und schwingt erstmal zum nächsten Griff und verschafft sich damit Ruhe und Übersicht, wie Jernej und Gregor! Auch wenn Tomoa Naraski (natürlich) die spektakuläre Fly-by Variante wählt, es wird deutlich, dass die Kollektiv Kletterer in dieser Situation wesentlich kompetenter und handlungsfähiger sind als die Individualisten.

Vorteil: Kollektiv

Es ist völlig klar, dass dieses Boulderfinale, wie alle anderen auch, völlig anders ausgehen hätte können, wären die Karten ein wenig anders gemischt. Da sich die Boulderwettbewerbe jedoch so schnell weiterentwickeln, was die geforderten Bewegungskopplungen und Positionen anbelangt, wird es für Einzelkämpfer jedoch zunehmend schwieriger werden, diesbezüglich up-to-date zu bleiben und sich weiterzubilden.

Hier sind wieder die Griffauswahl und der Routenbau von zentraler Bedeutung. Gegenwärtig ist es gängige Praxis, dass die Routenbauer einen Großteil der Griffe selber mitbringen. Es hat schon Weltcups gegeben, die durch dieses Engagement der Routenbauer gerettet wurden, weil die Organisatoren nur ein unzureichendes Griffset zur Verfügung gestellt hatten. Auch in Meiringen scheint man diesen Service fest einzuplanen. Die Routenbauer benutzen natürlich Griffe, die sie gut kennen und mit denen sie ökonomisch arbeiten können. Das ist legitim und im Sinne des Sports. Nicht gegen die Griffe oder die Routenbauer richtete sich meine Kritik im letzten Artikel über Meiringen, sondern gegen die diesbezüglich diffusen Vorgaben von Seite des Weltverbandes, der IFSC! Wenn diese Vorgaben nicht transparent konkretisiert werden, was beispielsweise die Anzahl der vom Veranstalter gestellten Griffe und Firmen anbelangt, wird man nicht immer immer das Glück haben, eine Situation wie in Meiringen anzutreffen, wo die Auswahl an Griffen jedes Weltcups würdig war und die Routenbauer faire Boulder schraubten.

In Moskau war dieser Punkt überhaupt kein Thema, die Routenbauer verschraubten alles, was bei drei nicht auf den Bäumen war! So gab es allerlei exotisches Griffwerk zu bestaunen, dass mit Sicherheit keiner der Athleten jemals in den Händen hatte.

Überhaupt berichten alle Beteiligten von einem unglaublich engagierten Einsatz der Organisatoren in Moskau, einen Einsatz und eine Kreativität die bei manchen etablierten Veranstaltern manchmal ins Hintertreffen gerät. Auch nach diesem Finale finde ich wieder: Bouldern ist spannend wie nie!

Facts

1100 Griffe

65 NATIONEN

700 ATHLETEN

20.000 FREIWILLIGE ARBEITSSTUNDEN

500 KG CHALK

Climb. Come together. Celebrate!