Englisch
Englisch

Udo Neumann: Zeitgenössische Boulderbewerbe

Das Studio Bloc Masters war der letzte große internationale Wettbewerb und damit eine Standortbestimmung für die Athleten vor dem ersten Boulderweltcup in Meiringen. Nach einer offenen, extrem aufreibenden Quali finden am nächsten Tag Halbfinale und Finale nach offiziellen IFSC Regeln statt. Hier hat es eine Änderung gegeben, die das Erreichen von Zonengriffen höher bewertet als die Anzahl der Versuche. Diese Änderung hatte jedoch keine Auswirkung auf den Sieg sowohl bei den Damen als auch den Herren - das Podium wurde durch die Anzahl der Versuche entschieden! So erlebte das Publikum einen aufregenden und fairen Boulderwettbewerb. Fair beispielsweise durch Volumen, an denen jede(r) die jeweils optimale Position selber finden kann. Dadurch sind unfaire „Morpho-" Situationen weitestgehend verschwunden. Aufregend durch die abwechslungsreichen Neigungen und den damit verbundenen körperlichen aber besonders auch geistigen Anforderungen. Immer wieder schaffen es die Routenbauer, einen Teil der Kletterer durch Bewegungsaufgaben außerhalb ihres unten beschriebenen Bewegungsrepertoires so zu verwirren, dass sie das Problem entweder gar nicht, oder nur mit zu vielen Versuchen lösen können. Die Anforderungen an geistige und körperliche Schnelligkeit haben dazu geführt, dass der eher ausgemergelte Kletterer dem athletischem Typ gewichen ist. Auf jeden Fall eine sehr positive Entwicklung bei Kletterwettbewerben!

Richtiges Klettern und Boulderwettbewerbe

Es gibt jedoch auch Kritik an den modernen Boulderwettbewerben, nämlich dass sie nichts mehr mit dem „richtigen“ Klettern zu tun hätten. Als „richtiges Klettern“ wird bei dieser Argumentation oft das steile sportliche Felsklettern bezeichnet, welches es in der gegenwärtigen Form jedoch erst seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhundert gibt. Diese Art des Kletterns stellt enorme Anforderungen an Kontakt- und Oberkörperkraft und findet hauptsächlich an eher zweidimensionalen Oberflächen statt. Stützende und pressende Bewegungselemente sind besonders im steilen Gelände nicht so wirksam wie haltende und ziehende. Sprünge verbieten sich oft wegen der kleinen und teilweise schmerzhaften Kontaktpunkte. Dass es bei Boulderwettbewerben viel dreidimensional gesprungen und gestützt wird, dient den Kritikern als Beleg, wie weit sich das Plastikbouldern vom Klettern entfernt hätte. Gerade Lauf-Sprung Kombinationen werden oft als Zirkustricks bezeichnet, die nichts mit Klettern zu tun hätten. 

Boulderbewerbe menschheitsgeschichtlich

Betrachtet man die modernen Boulderbewerbe jedoch menschheitsgeschichtlich und nicht nur aus dem Blickwinkel des Sportkletterns, erkennt man, dass die heutigen Boulderbewerbe wieder zurück zu den Wurzeln des Kletterns kehren!

Unter den verschiedenen Fortbewegungsarten, die der Mensch notwendigerweise beherrschen lernte, nimmt das Klettern aufgrund seines Alters eine besondere Rolle ein. Bis vor etwa 2-3 Millionen Jahren war der Lebensraum Baum oder Felsenklippe für unsere Ahnen überlebenswichtig. Er konnte Fluchtort, Schlafplatz oder Beobachtungsposten sein. Wer gut kletterte, wurde nicht gefressen (was Voraussetzung zur Fortpflanzung ist!), konnte sich ausruhen, sich ein Bild seiner Umgebung machen und wurde damals wie heute durch eine innere Hormonausschüttung belohnt. Klettern ist also ein erfolgreiches evolutionäres Konzept und deshalb für uns noch Jahrmillionen später so attraktiv. Klettern entspricht als Bewegungsform dem Mensch, wie Schwimmen dem Fisch und Fliegen dem Vogel entspricht.

Durch Klettern erschließen wir uns einen komplexen, dreidimensionalen Lebensraum, in dem Fortbewegung stärkere Fokussierung und neuronale Kontrolle als am Boden erfordert. 

Besonders die Abstände zwischen den möglichen Kontaktpunkten erfordern ständige Risikoeinschätzung und komplexe Bewegungskoordination. Sämtliche unserer nächsten Verwandten, alle Menschen-Affen benutzen in diesen Situationen Lauf-Sprung Kombinationen, um den nächsten Kontaktpunkt zu erreichen. Die Sprünge von Gibbons sind unseren in jeder Hinsicht meilenweit voraus! Menschengeschichtlich waren Lauf-Sprung Kombinationen also schon immer Voraussetzung für die Fertigkeit des Kletterns. 

So sehe ich Lauf-Sprung Kombinationen beim Bouldern, als etwas ursprüngliches, als erwiesen beste Methode, weite Abstände zwischen Kontaktpunkten zu überbrücken! Im folgenden werde ich grundsätzliche Aspekte von Bewegungsaufgaben anhand des Studio Bloc Masters 2018 beschreiben.

Crossing Gaps

Das oben beschriebene Überwinden weiter Abstände zwischen Kontaktpunkten wird von den Routenbauern wiederholt abgefragt. Durch alle Runden hindurch müssen Frauen und Männer durch Lauf-Sprung Kombinationen entsprechende Passagen überwinden. Dabei kommt es zu einigen Fehlversuchen, selbst bei den besten Kletterern. Problematisch sind vor allem die Schwungeinleitung und -erhaltung, schnelle Schrittfrequenzen und ganz allgemein die Koordination der Bewegungsachsen und Freiheitsgrade im dreidimensionalen Raum.

Vor zehn Jahren war das Hauptproblem bei dynamischen Zügen, den Zielgriff zu erreichen. Dieser war damals oft so positiv und griffig, dass man ihn, egal wie man angesegelt kam, halten konnte.

Das gibt es heutzutage bei internationalen Boulderbewerben nicht mehr, jetzt fangen die Probleme oft mit dem Erreichen des Zielgriffs überhaupt erst an. Kontaktkraft ist immer noch ein wichtiger Aspekt für jeden Boulderer, jedoch sind die modernen Griffe auch mit aller Kraft der Welt nicht zu halten wenn der Körper nicht optimal zu ihnen ausgerichtet ist.

Koordination

Koordination ist das harmonische Zusammenwirken von Sinnesorganen, peripherem und zentralem Nervensystem sowie dem Bewegungsapparat.

Koordinative Fähigkeiten bewirken, dass die Impulse innerhalb eines Bewegungsablaufs zeitlich, stärke- und umfangmäßig aufeinander abgestimmt werden und die entsprechenden Muskeln erreichen. 

Die Leistungsfähigkeit der verschiedenen Analysatoren (das sind die gesamten Funktionseinheiten zur Aufnahme, Weiterleitung und Verarbeitung von Sinnesreizen, z.b. kinästhetischen, taktilen, statico-dynamischen, optischen und akustischen) bestimmt die Qualität der koordinativen Fähigkeiten mit.

Die Qualität der koordinativen Fähigkeiten bestimmt das Bewegungsrepertoire, das ein Kletterer zur Lösung eines Boulderproblems zur Verfügung hat. 

Pirouetten

Beim Bewegungsrepertoire haben Kletterer beispielsweise bei Rotationen, also Drehungen um die eigene Körperachse wie der Pirouette, noch einiges aufzuholen. Im Halbfinale wurde von den Frauen und im Finale von den Männern gefordert, die Bewegung über eine Rotation, sowohl vom Standbein weg, als auch zum Standbein hin, einzuleiten. Für einige Kletterer war dies ganz klar nicht Teil ihres Bewegungsrepertoires, es zeigten sich Schwierigkeiten beim Finden des Schwerpunkts, der Koordination des Schwungholens mit dem Oberkörper und Arm, und besonders der Kontrolle des Blicks, dem sogenannten Spotten. 

Blickkontrolle

„Wie jetzt, Spotten?“ Fragt der Boulderer. Ja, genau, Spotten, aber in dem Sinn wie Tänzer den Begriff benutzen.

Beim Tanzen bedeutet Spotten, dass sich der Kopf in einem anderen Tempo dreht, als der Rest vom Körper: der Kopf und damit der Blick bleibt möglichst lange nach vorn gerichtet, während sich der Körper „darunter weg dreht“. Wenn der Kopf nicht länger nach vorne schauen kann, wird er blitzschnell ganz herum gedreht, sodass man wieder nach vorne (bzw. eben zu seinem Spot) schaut, noch bevor der Rest vom Körper die Drehung vollendet hat. Der Blick wartet sozusagen, dreht dann schneller als der Rest, und wartet dann wieder. Durch Anwenden ähnlicher Techniken beim Klettern könnte Spotting die Richtung vorgeben in der man sich bewegt und damit die Orientierung im Raum extrem verbessern. 

Quiet Eye

Auch von Sportarten, bei denen ein Ziel getroffen werden muss, können sich Kletterer in Zukunft inspirieren lassen. So konnte in den letzten Jahren die Bedeutung einer langen letzten Fixation vor Bewegungsbeginn – das Quiet Eye – für die sportmotorische Leistung aufgezeigt werden. Das Quiet Eye ist definiert als letzte Fixation oder als letztes Tracking vor einer Bewegungsausführung. Die Länge dieser letzten Fixation geht sowohl mit dem Expertiseniveau, als auch mit der Trefferleistung einher. Gegenwärtig scheinen sich die meisten Kletterer noch nicht bewusst die Verarbeitung leistungsrelevanter Hinweisreize durch ein ruhiges Auge von Störungen abzuschirmen, jedenfalls ist bei Analyse der Videos zu sehen, dass es ohne Blickkontrolle vermehrt zu Fehlversuchen kommt. 

Koordinative Fähigkeiten

Betrachtet man die grundlegenden koordinative Fähigkeiten, stellt man fest, dass beispielsweise die Rhythmisierungsfähigkeit bis vor kurzem bei Kletterbewerben kaum eine Rolle gespielt hat, heutzutage aber durch die bei Lauf-Sprung Kombinationen gefragten schnelle Schrittfrequenzen sehr wichtig geworden ist. Auch hier finden wir erhebliche Unterschiede bei den Teilnehmern.

Beim Klettern besteht immer eine Verbindung von koordinativen- zu konditionellen Fähigkeiten, wer die Kontaktpunkte nicht halten kann, kann auch keine funky Ausholbewegung an ihnen einleiten. Während die Kontaktkraft im Finale der Bloc Masters 2018 nicht sichtbar ergebnisrelevant war, zeigten sich entscheidende Unterschiede bei Mobilität, Hüftkontrolle und reaktiver Beinkraft.

Balance und Körperspannung

Die Effektivität aller Bewegungen ist abhängig von Balance und Körperspannung.

Balance und Körperspannung wiederum hängen von Propriozeption ab, also von der Fähigkeit unseres Körpers zur Eigenwahrnehmung. Diese wird über ein System von Rezeptoren in Gelenken, Muskeln und Sehnen gesteuert. Ihre Signale nutzt unser Körper zur Feinabstimmung der Nerven und Feedbackmechanismen aus den Muskeln, besonders den kleinen Muskeln, die unsere Gelenke stabilisieren um die Balance zu halten.

Dieses System schafft reflexive Stabilität, die effizientes Klettern möglich macht. Dabei sind für unsere Balance und Körperspannung in erster Linie nervöse Steuerungsprozesse und weniger rohe Kraft entscheidend, außerdem scheint unser Gehirn weniger Kapazitäten für die willkürliche Bewegung selbst, als für die reflexive Stabilisierung während einer willkürlichen Bewegung zu nutzen.

Balance

Um effiziente Bewegungen zu erzeugen und / oder das Gesamtsystem Körper stabilisieren zu können, müssen Muskeln und Gelenke mit dem richtigen Timing und der korrekten Koordination und Kommunikation angesteuert werden.

Unser Bewegungssystem arbeitet dabei so komplex und spezifisch, dass wir nur in Situationen und Bewegungen besser werden, die wir auch trainieren. Man kann davon ausgehen, dass gegenwärtig nicht alle Athleten Zugang zu dem notwendigen grausamen Routenbau haben, den sie für ihre diesbezügliche Weiterentwicklung brauchen. Es zeigen sich auch hier entscheidende Unterschiede bezüglich der Möglichkeiten der Finalisten.

Zwischen Ent- und Anspannung

Der Begriff Körperspannung ist insofern missverständlich, als dass Kletterer zwischen den beiden Gegensätzen völliger Entspannung und kompletter Anspannung aller Muskeln ein Optimum zu finden müssen, in welchem unser Körper, oder ein Körperteil, mit einem Minimum an Kraftaufwand gehalten, oder eine geplante Bewegung exakt durchgeführt werden kann.

Moderne Griffe sind sehr sensibel, was Kraftspitzen anbelangt, und auch die modernen Hookpositionen sind viel subtiler als noch vor zehn Jahren. Hinsichtlich der Körperspannung gilt bei Boulderwettbewerben „so viel wie nötig, so wenig wie möglich.“

Adaptability / Anpassungsfähigkeit

Boulderprobleme fragen nach passenden Lösungen. Was individuell „passend“ ist und zum Erfolg führt, ist ausschließlich vom jeweiligen Athleten abhängig. Während der vier oder fünf Minuten, die Boulderer zur Lösung haben, müssen sie simultan die eigenen Fähigkeiten mit den Anforderungen des Boulderproblems vergleichen und das Ergebnis abschätzen. Im Finale des Studio Bloc Masters sehen wir, im Großen wie im Detail, individuell sehr unterschiedliche Bewegungslösungen. Kaum eine Bewegung scheint für alle Finalisten gleichermaßen zwingend. Für Boulderer ist es deshalb vorteilhaft, sich auf das Lösen der Bewegungsaufgabe zu fokussieren und sich nicht von Vermutungen zur Intention der Routenbauer ablenken zu lassen.  Mut, Selbstvertrauen, aber vor allem Vertrauen in die eigene Lösung entscheidet Boulderwettbewerbe!

Hier das passende Video:

Facts

1100 Griffe

65 NATIONEN

700 ATHLETEN

20.000 FREIWILLIGE ARBEITSSTUNDEN

500 KG CHALK

Climb. Come together. Celebrate!